Schamanismus: Gestern und heute In der Literatur wird Schamanismus häufig als Naturreligion bezeichnet. Dies wird dem Schamanismus aber keinesfalls gerecht. Schamaninnen und Schamanen schreiben niemandem vor, was sie zu denken oder zu glauben haben. Schamanismus hat weder Führer, noch Dogmen oder Organisationsformen, und wurde zu keiner Zeit von bestimmten Interessensgruppen instrumentalisiert. Schamaninnen und Schamanen sind keine abgehobenen Esoteriker, die vor ihren Alltagsproblemen flüchten. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Schamaninnen und Schamanen fallen vor allem durch ihre hohe Präsenz auf und leben im "hier" und handeln im "jetzt".
Der Schamanismus war ist die Ethik und das Handwerkszeug, sowohl im Einklang mit der Natur und ihren Geschöpfen als auch durhch den Kontakt zur Anderswelt, mit den Herausforderungen des Alltags konstruktiv umzugehen.
Der Schamanismus ist keine Religion deren Inhalte man blind glauben muss. Die einzige Voraussetzung, die man mitbringen muss um herauszufinden, ob der Pfad des Schamanismus für einen selber der Richtige ist, ist der Wille es auszuprobieren. Entscheidet man sich aber danach für diesen Lebensweg, muss man „den Weg seiner Rede gehen“, wie es der kürzlich verstorbene Kenneth Meadows, Autor verschiedener Werke, auszudrücken pflegte. Oder wie es Sunny, Medizinmann der Lakota beschrieb: „Dem gesprochenen Wort müssen Taten folgen.“
Die Ethik des Schamanismus steht für den Respekt der Natur und der Achtung ihrer Geschöpfe. Im Schamanismus sind Tiere sowie Pflanzen und Mineralien beseelt. Es gibt keinen wirklichen Anfang und kein wirkliches Ende. Die nordamerikanischen Indianer symbolisieren dies mit einem Kreis, der für sie heilig ist und für Zeremonien und Rituale verwendet wird. Für die Schamaninnen und Schamanen gibt es ausser der materiellen Welt, der sogenannten mittleren Welt, in der wir leben, noch die untere und obere Welt, wo sie Ratschläge für Behandlungen von Krankheiten oder sonstigen Alltagssorgen der Menschen einholen.
Das Handwerkszeug bestand zum Beispiel bei den Schamaninnen und Schamanen der Ureinwohner Australiens darin, Wasseradern aufzustöbern. Bei den Schamaninnen und Schamanen der nordamerikanischen Indianer bestand das Handwerkszeug darin, den Zeitpunkt und Ort der Ankunft der ersehnten Büffelherden vorauszusagen, die das Ueberleben der Prairieindianer während des nächsten Winters sicherten. Schamaninnen und Schamen waren zu aller Zeit Mittler ihrer Stammesgemeinschaften, Menschen zum Anfassen, Menschen, die Zeit für die Nöte anderer hatten und Menschen, die gerne lachten. Es entspricht einer alten schamanischen Weisheit, sich und andere nicht immer allzu ernst zu nehmen. Denn das Lachen setzt ungeheure Vitalkräfte frei.
Gerade die Schamaninnen und Schamanen werden dieses Lachen in der heutigen Zeit, wo alles aus dem Gleichgewicht geraten ist, bitter nötig haben. Denn es ist seit jeher die Berufung der Schamaninnen und Schamanen das Gleichgewicht der Natur, und der Artenvielfalt zu erhalten. Den Menschen die Augen zu öffnen, um den grossen Plan der Schöpfung der Nachwelt zu erhalten, wird eine zusätzliche Aufgabe des Schamanismus sein.
Es entspricht den schamanischen Wesenszügen und Überzeugungen, den Wandel der Natur zu respektieren und deren Gesetzmässigkeiten zu leben. So wie eine Wölfin ihre Welpen aufzieht und sich nachher von ihnen ablöst, so lehren Schamaninnen und Schamanen den Menschen, der sie um Rat bittet, die Wahrheit und die Lösungen in sich selbst zu finden und sich niemals von jemandem abhängig machen zu lassen. Beim Schamanismus handelt es sich meiner Meinung nach um die gesündest und naturnaheste Denkensweise, die Menschen sich aneignen und konstruktiv nutzen können.
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